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Der Flow Zustand - #3



Die groben Holzdielen wummerten unter meinen Schuhen, eine Gruppe von fünf oder sechs Männern am Tisch links von mir klatschte haarscharf am Rhythmus vorbei, der Geruch von Guinness, das vor Jahren verschüttet wurde, erfüllte die Luft. 


Meine Mitmusikerinnen und ich spielten den Tune „Whiskey Before Breakfast“ – eine kleine Showeinlage, bei der das Stück mit jedem Durchlauf schneller wird, bis zu einem absurden Tempo, in dem eigentlich kein vernünftiger Mensch eine so liebliche Melodie durchpeitschen würde. Ich spielte Mandoline, das einzige Melodieinstrument der Gruppe – und bekam kaum noch mit, was um mich herum passierte. 


Meine Augen waren geschlossen, das Plektrum glitt wie ferngesteuert durch die Saiten. Es war fast, als würde ich mir selbst von Außen beim Spielen zusehen, ein erhebendes Gefühl von „Egal, was ich jetzt ausprobiere – es wird klappen.“ 


Diese Art von Flow-Zustand ist eines der großartigsten Gefühle, die man als Musiker haben kann. Doch leider kann man es nicht forcieren. Fünf Jahre ist der Auftritt her, ich habe diesen Flow vielleicht zwei- oder dreimal erlebt, seitdem ich vor fast 30 Jahren erstmals ein Instrument in der Hand hielt. Man kann zwar die richtigen Grundbedingungen schaffen, aber am Ende ist es ein Funke Magie, der diesen Zustand auslösen muss. Zumindest für mich. 


Denn zur Wahrheit gehört auch: Dass Musikmachen mühelos aussieht, oder, noch besser, mühelos klingt, ist harte Arbeit. Besonders auf der Bühne. Worauf muss ich beim übernächsten Song achten? Wie muss ich mich bewegen, damit sich meine Kabel nicht mit denen der anderen verknoten? Wie signalisiere ich dem Tontechniker, dass ich mehr von meinem Mikrofon auf den Kopfhörern brauche, um sauber zu singen? 


Anders ist das für mich beim Wüstenberg-Song „Hold On To“. Ich steige mit der E-Gitarre erst zum Refrain ein, untermale nur Gesang und Melodieinstrumente mit warmen, liegenden Akkorden – aber, um in einer Sportmetapher zu sprechen, alles nichts Spielentscheidendes. Ich habe probehalber mal im Mix die E-Gitarre ausgeblendet, und der Song funktioniert fast genau so gut. Es ist vielleicht vergleichbar mit einem guten Essen: Man hat den fertigen Teller vor sich, das Essen duftet fantastisch, schmeckt grandios – aber wäre es nicht dabei, würden wohl nur die wenigsten Menschen sagen: „Da fehlt aber Kurkuma.“ 


Das Gute ist: Diese unscheinbare Rolle gibt mir die Möglichkeit, auch ohne Flow-Zustand komplett aufzusaugen, was auf der Bühne um mich herum passiert. Das Spotlight auf Franz, das wunderschöne Intro auf der Akustikgitarre, die Paare in den ersten Reihen, die sich schon nach den ersten Zeilen enger aneinanderschmiegen. Bea, die sich mit dem ganzen Körper in ihre herzzerreißende Geigenmelodie legt. Simon, der mit seinen sparsamen Mandolinentönen so sensibel einsteigt, wie es nur jemand mit Jahrzehnten an Erfahrung und ganz viel musikalischem Feingefühl kann. Cat, die, ähnlich wie ich, bei „Hold On To“ nur wenige Einsätze am Klavier hat, aber völlig beseelt beobachtet, was passiert, und immer zum Melodie-Zwischenteil mit wunderschönen Arpeggios einsteigt. Alex, der wirklich alles von sich selbst in den Harmoniegesang und unendlich geschmackvolle Basslines gibt, und nicht zuletzt Phil, der nicht nur den solidesten, sondern auch sanftesten Schlagzeuggroove liefert – und gleichzeitig so textsicher mitsingt, als hätte er jedes Wort selbst geschrieben. 


Und bei jedem Konzert schwebt für mich die Stimme von Heike Probst mit durch die Luft, die als Franz’ Duettpartnerin auf der Studioaufnahme mitsingt – und ich wünsche jedem, der diese Zeilen liest, dass er die beiden einmal gemeinsam in einem Raum den Refrain von „Hold On To“ singen hören wird. Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr die Luft vibriert, wenn Heike und Franz gemeinsam zum langgegezogenen „Hold on to“ im letzten Chorus ansetzen. 


„Hold On To“ ist zu einem meiner absoluten Lieblingsmomente im Set geworden. Mit diesen großartigen Musikerinnen und Musikern vor so einem wertschätzenden Publikum zu spielen – das ist fast so gut wie ein Flow-Zustand. Und kein bisschen weniger magisch. 


Torben 

 
 
 

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