#5 Vom höchsten Gebäude der Welt
- torbenrichter
- vor 4 Tagen
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Ich genieße das Privileg sehr, bei „A Look in Between“ meine ganz eigene Sicht auf unsere Band und unsere Erlebnisse auf und hinter der Bühne zu schildern. Doch zum Album-Release hatte ich eine Idee: Ich erinnerte mich an die Zeiten, als viele meiner Lieblingsbands und Musikerinnen zu ihren Alben Track-by-Track Audio-Kommentare veröffentlicht haben. Und so fragte ich meine Wüstenberg-Kolleginnen und -Kollegen, ob sie nicht jeweils über einen Song schreiben möchten, der ihnen besonders viel bedeutet. Und ich freue mich wahnsinnig, dass auch Heike Probst (die großartige Sängerin auf „Hold On To“) und unser fantastischer Produzent Jörn Schlüter zugesagt haben.
Die erste Erkenntnis: Die Lieblingssongs des Albums sind bei uns sehr divers verteilt. Die zweite Erkenntnis: Es ist sehr toll zu erfahren, was die anderen mit Songs verbinden, die wir schon unzählige Male zusammen gespielt haben. Und die dritte Erkenntnis: Es sollte wieder viel mehr Alben mit Track-by-Track-Kommentaren geben.
Viel Spaß beim Lesen!
Torben


Track 1: „The King’s Gambit“ – Simon Scherer, Banjo & Mandoline
Franz bat mich schon eine Weile bevor es die Band gab, den Song mit ihm zu spielen. Er hatte mich sofort: Unglaublicher Groove, geile Melodie und der starke Text über den Kampf mit sich selbst.
Als er dann sagte, er gründe eine neue Band, habe ich, ohne überhaupt Zeit dafür zu haben, zugesagt. Zum Glück war ich so leichtsinnig!
King’s Gambit, eine riskante (Schach-)Eröffnung mit ungewissem Ausgang, das haben wir alle mit dieser Band gewagt und es zahlt sich aus: Es macht unglaublich Spass, der Vibe ist extrem positiv und ansteckend, alle geben alles – und ich zweifle nicht, dass die Partie an uns geht.
Track 2: „Call Me A Fool“ – Jörn Schlüter, Produzent
„Call Me A Fool“ war einer der ersten Songs, an denen wir im Vorfeld der Produktion gearbeitet haben. In dem Lied liegt vieles von dem, was ich auf dem ganzen Album empfinde: Alles ist Magie! Alles ist erleuchtet!
Diese Musik ist weder kühl noch berechnend, sondern trägt den Zauber des Anfangs in sich, weil sich diese sieben tollen Musiker:innen verzaubern ließen. Von einer neuen Möglichkeit, von neuen Freundschaften und von einer Musik, die wundersam mitten unter ihnen entstand.
In „Call Me A Fool“ geht es um Zeichen in den Sternen, um rätselhafte Träume und um die kleinen Wunder, die sich überall verstecken. Dazu hört man eine satt spielende Band, tolle Melodien und eine von diesen großartigen Tunes aus Banjo und Geige, die so wichtig sind für die Musik von Wüstenberg. Zauberhaft.
Track 3: „Hold On To“ – Heike Probst, Sängerin
Es gibt Songs, die sind wie ein nettes Date. Du hörst ihnen zu, magst sie ganz gerne. Du kannst dir vorstellen, sie wiederzutreffen. Aber sind wir ehrlich: Haus und Hof würde man für sie nicht gleich verkaufen, um zusammenzuziehen.
Ok, ich geb’s zu: Wüstenberg-Songs haben generell nix mit einem netten Date zu tun. Haus und Hof waren schon mehrfach gefährdet. Aber „Hold on To“ hat bei all dem eine besondere Bedeutung für mich.
Ich weiß noch, wie es mir ging, als ich den Song zum ersten Mal gehört habe. Wir saßen im Wohnzimmer. Franz spielte ihn auf seiner Sigma. Nach nur ein paar Sekunden hat er mich nicht nur in den Bann bezogen – ich hatte Tränen in den Augen. Was ich gehört habe, hat mich nicht nur bewegt, sondern zutiefst berührt. Die Komposition rollt den Lyrics einen roten Teppich aus. „Hold on To“ würde mich nicht mehr loslassen, so viel war klar.
Du fragst dich, was aus Haus und Hof geworden ist?
Ich kann dir nicht mehr sagen, wann es war.
War es, als ich vorm Mikro stand, um die Zweitstimme fürs Album einzusingen? War es beim Musikvideodreh im Volvo von 1961? Oder war es im LKA Stuttgart, als ich mit den unfassbar beeindruckenden Persönlichkeiten und Musiker*innen von Wüstenberg auf der Bühne stand?
Keine Ahnung. Es spielt auch keine Rolle mehr. Ich habe alles verkauft. Restlos.
Track 4: „Trading Manners for the Madness“ – Catherine Kuhlmann, Piano & Orgel
„Trading Manners for the Madness“ – für mich bedeutet das, eine neue Seite von mir entdecken zu dürfen, die riesig viel Spaß macht. Das funktioniert, weil die Menschen dahinter so unfasslich herzlich miteinander umgehen, dass Mutigsein und Ausprobieren nicht nur ok, sondern ausdrücklich erwünscht sind – damit eine (mitunter verrückte) Idee sofort aufgegriffen, weiterentwickelt und ins gemeinsame Musizieren eingewoben werden kann.
Wüstenberg ist nicht nur eine coole Band mit neuer Musik – ich darf mit diesen großartigen Menschen wachsen und zusammenwachsen. Und freue mich auf die Madness, die noch kommt. Auf der Bühne und dahinter.
Track 5: „Man with No Baggage“ – Béatrice Wissing, Violine
Echt jetzt? Wir gehen ohne Bläser auf Tour? Dabei spiele ich doch bei Wüstenberg wegen dieser genialen Demos, deren fetter Bläserklang mich direkt gepackt hatte. Okay, ganz so war’s nicht. Franz meinte mal zu mir, dass die ersten sechs Sekunden einer Begegnung entscheidend sind. Höre ich deshalb noch immer Bläser in den Songs, wo keine zu hören sind?
Ich weiß noch genau: Ich saß in meinem Golf und hörte zum ersten Mal „Man with No Baggage“. Dieser groovige Rhythmus, gepaart mit einer bildgewaltigen Zwischenmelodie, die mein Filmmusik-Herz sofort berührte. Und ja – die Melodie funktioniert verdammt gut mit Mandoline und Geige. Für mich eine Ehre, diese wunderbare Melodie spielen zu dürfen. Einer meiner persönlichen Höhepunkte im Set, und jedes Mal begleiten mich Bläser, als wären sie live dabei.
Track 6: „Paradox of Love“ – Alexander Lauer, Bass
Der Song ist mir sehr nah, eben weil er auch für mich ein Paradox darstellt … Ich liebte den Song vom ersten Moment an – und habe mich im Tonstudio doch am schwersten damit getan, so ein verflixtes Monster von einem Groove, so ein Käse! Hört man eigentlich, dass ich quasi Kontrabass darauf spiele? Naja, ich fake einen Kontrabass auf einem Fretless-Bass.
Hmmm, und textlich: was ist Liebe eigentlich in echt? Gefühl? Wahrheit? Something supernatural? Auf jeden Fall erst echt, wenn da Bedingungslosigkeit hineinkommt. Damit Verletzlichkeit und damit Risiko. Und damit die Notwendigkeit von echtem Aufeinander-Acht-Geben – und das geht halt nur, wenn alle mitmachen, oder nicht?
Track 7: „Good People“ – Franz Wüstenberg, Gesang und Gitarre
We need good People,
who know how to do the job like the guys who built the
Empire State Building
Man kann vom höchsten Gebäude der Welt träumen, aber man wird es nie ohne die richtigen Menschen erbauen. Auch wenn das Bild der "Daredevils Sky Boys", der Stahlarbeiter im Amerika der 1930er Jahre hoffnungslos romantisiert ist, so trifft es den Kern einer Sache: Um außergewöhnliches zu schaffen müssen wir miteinander arbeiten. Mit Mut, einer Vision, und einer starken Gemeinschaft. Wir spielen unsere Shows zwar nicht auf einem Stahlträger, der in in 264m luftiger Höhe baumelt, aber wenn bei "Good People" nach und nach jeder Musiker und jede Musikerin dieser wundervollen Band einsetzt und wir gemeinsam die Luft zum schwingen bringen, schmunzele ich innerlich und bin mir sicher, dass wir zusammen das höchste Gebäude der Welt bauen können.
P.S.: Bitte spielt beim nächsten Konzert Luftgitarre zu Torbens unfassbar geilem Solo.
Track 8: „Revenge is for the Weak“ – Phil-Jonathan Kämpflein, Schlagzeug
Revenge is for the Weak ist für mich ein Song voller Energie, der perfekte Song um „Dampf abzulassen“. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Studio auf das Schlagzeug eingeprügelt habe, als wäre es mein Erzfeind.
Ich verbinde mit dem Song einerseits Ungerechtigkeit, Enttäuschung und Ablehnung, aber gleichzeitig auch den Entschluss, sich davon nicht unterkriegen zu lassen, aufzustehen und weiterzumachen.
They took away my riches
Burnt my house down
They left me there to die
But I have come around
Mir gefällt, dass wir mit „Revenge is for the Weak“ einen wilden, lauten, rockigen Song ins Repertoire aufgenommen haben. Da stehe ich als Drummer total drauf!
Außerdem finde ich gut, dass Wüstenberg sich nicht scheut, mit viel Tiefgang von allen Facetten des Lebens zu singen. Nicht nur von den weißen, sondern auch von den vermeintlich schwarzen.
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